Vegetarismus

Der Mensch is(s)t ein Tier

Von Otto Hopfensperger

Wenn wir zu den Anfängen unserer westlichen Kultur, in das Alte Griechenland zurückgehen, begegnet uns schon sehr früh das Unbehagen, das Menschen immer wieder verspürt haben, wenn sie Fleisch gegessen haben. Wir wissen von Pythagoras (6.Jhdt v. Chr.), dass er und seine Anhänger das Essen von Tieren abgelehnt haben. „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen wieder zurück“. Ein sehr frühes Zeugnis für diese Haltung ist auch das berühmte Fragment des Plutarch (ca. 47 – 120 v. Chr.), oft zitiert, doch in seiner Eindringlichkeit kaum zu überbieten:

„Du fragst mich, warum Pythagoras auf das Essen von tierischem Fleisch verzichte; ich aber frage dich dagegen, welch menschlicher Trieb den ersten, der es tat, dazu brachte, blutiges Fleisch zum Munde zu führen, mit seinen Zähnen die Knochen eines sterbenden Tieres zu zerbrechen, tote Leiber, Kadaver vor sich auftragen zu lassen und in seinen Magen Körper hineinzuschlingen, die noch einen Augenblick vorher blökten, brüllten, herumgingen und sehen konnten? Wie brachte seine Hand es fertig, den Stahl in das Herz eines fühlenden Wesens zu bohren? Wie konnten seine Augen den Anblick des Mordes ertragen? Wie konnte er mit ansehen, wie ein armes, wehrloses, blutendes Tier enthauptet und zerstückelt wurde? ...

Nicht jene, die solch grausame Festmähler verlassen, sollten uns verwundern, sondern die, die damit begannen, sie zu bereiten“...

Leider hat das Christentum, das sich danach im Kulturraum des Hellenismus ausgebreitet hat, diese Problematik in keiner Weise aufgegriffen. Obwohl es im Alten Testament im Buch Genesis bei der Schöpfungserzählung noch heißt, dass Gott zu den Menschen sprach, „hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen...“, gibt es leider im gesamten Neuen Testament keine einzige Stelle, die den Menschen in die Pflicht ruft, schonend mit Tieren umzugehen oder gar Tiere nicht zu verspeisen.

Für das Christentum ist der Mensch in erster Linie Ebenbild Gottes. So wie es im Psalm 8 heißt: „Was ist der Mensch, dass Du an ihn denkst?... Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott.“ (Ps 8,5f). Um dem Menschen eine herausgehobene Stellung innerhalb des Schöpfungszusammenhangs zu sichern, hat das christliche Abendland einen tiefen Graben zwischen Mensch und Tier gezogen. Der Mensch als Krone der Schöpfung sollte sich in seiner Erhabenheit weit von der übrigen Natur abheben. Die Grenze zwischen Tier und Mensch war damit unüberwindlich geworden. Der Philosophie als Ancilla Theologiae, als Dienerin der Theologie, kam die Aufgabe zu, immer wieder die Unterschiede von Mensch und Tier hervorzuheben und zu untermauern.

Heute verblassen die Einflüsse christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft zunehmend. Doch die Haltung, dass der Mensch unendlich weit über dem Tier steht und es deshalb ausbeuten, austesten, aufessen darf, bleibt tief im (Unter-)Bewusstsein der Menschen eingeprägt.

Aus der Genetik wissen wir heute, dass der Mensch mit vielen Tieren, auch solche, die ihm als Nahrung dienen, über 90% des Genmaterials teilt. Mensch und Schimpanse haben sogar über 98% gemeinsame Gene, sie sind aufgrund dessen näher miteinander verwandt als zum Beispiel Schimpanse und Gorilla. Roger Fouts, ein amerikanischer Psychologieprofessor meint:

„In den letzten vierzig Jahren haben wir Schimpansen in Zentrifugen umhergeschleudert und in den Weltraum katapultiert. Wir haben ihnen mit Stahlkolben die Schädel eingeschlagen und sie als Dummys für Crashtests benutzt. Wir haben ihnen sämtliche Kontakte zur Mutter verwehrt und sie psychotisch gemacht. Wir haben sie benutzt, um tödliche Pestizide und Krebs verursachende Lösungsmittel für die Industrie an ihnen zu testen. Wir haben sie massiv mit Polio, Hepatitis, Gelbfieber, Malaria und HIV infiziert.“ (Fouts, 1998, S. 433)

Darf der Mensch eine andere Spezies, mit der er über 98 % der Erbmasse gemeinsam hat, so behandeln, ohne dass dieses Verhalten als kriminelles Schwerverbrechen gilt? Wenn es sich um 100 % gemeinsame Erbmasse handeln würde, würde dasselbe Verhalten als Entführung, Freiheitsberaubung, schwere Körperverletzung und Mord bezeichnet und strengstens geahndet. So aber sind es ja „nur“ Tiere, gleich zu behandeln wie Sachen und materieller Besitz. Im Grunde genommen hat der Mensch nur ein einziges „Argument“ für diese Haltung: er hat Macht über Tiere, und diese Macht missbraucht er.

Fouts weiter:

„Es ist eine in der menschlichen Geschichte immer wiederkehrende Tatsache, dass die moralischen Universen, die wir entwerfen, immer nur jene einschließen, die uns ähnlich sind, und alle ausgrenzen, die anders sind als wir. Wer innerhalb unserer moralischen Sphäre Platz gefunden hat, dem räumen wir bestimmte Rechte und Freiheiten ein; wer außerhalb steht, darf von uns ausgebeutet werden...

Kurz, wir leben nach einem Moralkodex, der auf einer willkürlichen Grenzziehung zwischen Innen und Außen beruht – in diesem Fall zwischen zwei verschiedenen Spezies.“ (Fouts, a.a.o. S. 437 f.)

Der Mensch ist aus dem Tierreich hervorgegangen. Der Mensch ist ein „Säugetier“ und mit demselben Nervensystem ausgestattet wie viele Tiere. Wenn Tiere leiden, dann äußern sie Schmerzen oft sehr ähnlich wie Menschen. Und wir Menschen können diese Schmerzäußerungen auch verstehen, sofern wir eine entsprechende Beziehung zu dem Tier haben.

Natürlich können wir Menschen niemals genau wissen, was in einem Tier vorgeht. Aber das wissen wir genau genommen auch bei anderen Menschen nicht. Wir nehmen berechtigter Weise an, dass ein anderer Mensch Schmerzen ebenso empfindet wie wir selbst. Und so wissen wir auch niemals genau, wie es sich für ein Tier anfühlt, wenn es Schmerzen empfindet. Vielleicht empfindet es schwächer, vielleicht aber auch stärker. Nichts berechtigt uns jedoch zu der Annnahme, Schmerzen und Leid zu ertragen sei für ein Tier weniger schlimm als für einen Menschen.

Im Grunde genommen kommt es aber auch gar nicht so sehr darauf an, ob wir nun ganz genau bestimmen können, wie Tiere empfinden. Entscheidend ist, dass wir überhaupt anerkennen, dass Tiere Schmerzen empfinden können und aufgrund dessen Interessen haben (z. B. keine Schmerzen zu empfinden). Und dass wir Menschen, sofern es uns möglich ist, diese Interessen berücksichtigen sollten.

Ich denke, das ist der entscheidende Punkt: Tiere haben Interessen. Sie können Schmerzen empfinden, leiden, sich freuen, sie haben Bedürfnisse nach Nahrung, nach Bewegung, nach Freiheit usw. Und vor allem haben sie das Interesse, am Leben zu bleiben. Dieses Interesse ist so groß, dass es kaum Tiere gibt, die sich nicht mit aller Kraft gegen einen drohenden Tod wehren.

Diese Interessen gilt es von menschlicher Seite aus anzuerkennen. Und wenn es zum Konflikt zwischen den Interessen des Menschen und des Tieres kommt, sind diese Interessen gegeneinander abzuwägen. Auf die eine Seite der Waagschale kommen die Interessen des Menschen, auf die andere Seite die des Tieres. Aber wie hoch ist das Interesse eines Menschen einzuschätzen, dem es nur um immer ausgefallenere Gaumenfreuden geht, der es als sein Recht ansieht, alles aufzuessen, was ihm unter die Finger kommt, dem kein Tier zu schade ist, dem kein Leidensweg zu lange ist, dem keine Tierhaltung zu „unmenschlich“ erscheint?

Für die Menschen im Alten Griechenland und im Alten Rom war sowohl der Mensch als auch das Tier ein „animal“ (lat.: Lebewesen), das heißt Träger einer „anima“ (lat.: Seele). Jahrhunderte lang hat man das Unterscheidende zwischen Tier und Mensch hervorgehoben. Es ist höchste Zeit, endlich das Gemeinsame zwischen Tier und Mensch zu betonen. Und daraus sein Handeln abzuleiten.

Das Gemeinsame und Verbindende zwischen Tier und Mensch ist ihre „Seelenverwandtschaft“. Das heißt: Menschen und viele andere Tiere sind empfindende, fühlende Wesen, die trauern, sich freuen, leiden und denken können. 

Angesichts dieser Seelenverwandtschaft ist vom Menschen vor allem eines gefordert: Mitgefühl. Dieses Mitgefühl gelingt am besten, wenn man mit dem Tier lebt, mit ihm kommuniziert und gemeinsame Zeit verbringt. Wer zum Beispiel eine liebevolle Beziehung zu einem Hund hat kann bestätigen, wie sehr hier die Grenze zwischen Tier und Mensch durchlässig wird. Hunde sind Individuen, Persönlichkeiten und manchmal fast wie ein Mensch.

In manchen asiatischen Ländern werden Hunde oder Affen verspeist. Viele „tierliebe“ Europäer sind entsetzt. Sie essen lieber Spanferkel, Tierbabies, die Hundewelpen an Niedlichkeit sicher nicht nachstehen. Aber Ferkel haben wir gewöhnlich nicht im Wohnzimmer, und deshalb auch keine Beziehung zu ihnen.

Tiere sind schön, edel, Schmuckstücke der Evolution. Viel zu schade, um sie zu töten. Tiere haben ihren Wert in sich und im Zusammenhang der gesamten Natur. Einige Tiere sind mit dem Menschen sehr nahe verwandt, weil sie mit ihm zur Gattung der Säugetiere gehören wie Rinder, Kälber, Lämmer, Schweine, Ferkel, usw. Darf der Mensch seine nächsten Verwandten aufessen, wenn es doch auch anders ginge?

Es hat lange gedauert, bis die Menschheit eingesehen hat, dass Sklaverei Unrecht ist. Es hat lange gedauert, bis sich die Menschen gegen Rassendiskriminierung ausgesprochen haben. Es ist zu hoffen, dass die Menschheit irgendwann einmal einsehen wird, dass es Unrecht ist, Tiere zu töten, um sie zu essen. Denn der Mensch is(s)t ein Tier.

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